Poetry-Slam – verschiedene Poet*innen treten mit ihren selbstgeschriebenen Texten gegeneinander an. Das Publikum bewertet die Performance und kürt so den/die Sieger*in.
Bei der Landesmeister*innenschaft im Herbst 2023 ging der Titel an Hannah Tonner. Die junge Poetin haben wir zum Interview getroffen und darüber gesprochen, wie sie zum Poetry-Slam kam, welche Themen sie beschäftigen und was ihre Träume sind.
Viel Spaß beim Lesen!
Warum Poetry-Slam?
Schreiben tut gut! Es hilft, die Gedanken zu sortieren und kann weiterhelfen, wenn man den Kopf voll hat. Für mich ist Schreiben ein Ventil. Dadurch verarbeite ich sehr viel.
Und es ist schön, wenn ich das nach außen trage und es auch bei anderen Menschen, beim Publikum, ankommt.
Das ist etwas, was mich ausmacht, was mich beflügelt und was ich zum Glück auch mit anderen Menschen teilen kann.
Worum geht es in deinen Texten?
Man hat immer wieder unterschiedliche Themen, die eine beschäftigen, deshalb variiert das ein bisschen.
Aber im Allgemeinen würde ich sagen, dass meine Texte vom Persönlichen ins Gesellschaftliche gehen. Es sind Themen, die mich selbst beschäftigen, die zu meinen Lebensumständen gehören: Sexismus, Freiheit erkämpfen, einfach eine junge Frau in der großen weiten Welt zu sein. Ich schreibe aber auch gerne über Patriotismus, Klimaschutz, also über Themen, die ohnehin aktuell sind.
Ich übertrage meine persönlichen Erfahrungen in einen gesamtgesellschaftlichen Kontext.
Meine Texte beschreiben aber nicht nur Geschichten, die mir passieren, sondern sprechen Themen an, über die sich andere auch Gedanken machen.
Sie stand auf und verließ den Raum…
Der Text, mit dem ich die Landesmeister*innenschaft gewonnen habe, ist etwas kontroverser. Es geht, um den gesellschaftlichen Druck auf junge Frauen Mutter zu werden und darum, dass wir oft nur darauf reduziert werden. Den Text habe ich auch mal in Wien gelesen. Eine schwangere Frau saß in der ersten Reihe. Sie stand auf und verließ den Raum.
Ich habe danach lange darüber nachgedacht, warum das so war. Am Anfang ging es mir nicht gut damit, habe mich selbst hinterfragt – habe ich zu viel gesagt oder zu unfreundlich? Irgendwann habe ich dann aber meinen Frieden damit geschlossen. Ich finde es gut, dass man sich selber schützt, wenn man merkt, dass man sich mit einem Text gerade nicht wohlfühlt. Dadurch, dass Slam oft sehr politisch ist und Tabuthemen anspricht, ist es gut, wenn man auf seine innere Stimme hört!
Muss Poetry-Slam immer ernst sein?
Meine Texte sind nicht lustig – obwohl es auch mal Lacher gibt – ich tue mich damit schwer. Das hängt aber vom Stil ab, vom Poet und von der Poetin. Poetry-Slam bietet sich aber gut an, ernstere Themen anzugehen.
Damit ein Problem klar wird, muss es manchmal auch ganz kalt gesagt werden.
Es kommt aber auch auf die Szene an. In Südtirol, und in Italien generell, findet man eher ernste Themen. In Deutschland zum Beispiel merkt man hingegen eine Tendenz zur Comedy mit vermehrt lustigen Texten. Die kommen auch besser an. Wenn ich in Deutschland mit einem ernsten Text auftrete, ist das manchmal ein bisschen schwierig, weil man merkt, die Leute wollen lachen. Da bekommt man dann nicht so viele Punkte.
Zwischen Geltungsdrang und persönlicher Entfaltung: Inwiefern passt du Texte an das Publikum an?
Poetry-Slam hat eine sportliche Note und Wettbewerbsgedanken sind natürlich vorhanden.
Ich habe auch bei mir gemerkt, dass ich nach einer Zeit mit mehr Kalkül an die Sache gegangen bin. Angefangen damit, dass ich zugehört habe, wie das Publikum auf andere Texte reagierte und daraufhin den Text, den ich eigentlich lesen wollte, zur Seite schob und einen anderen vorgetragen habe.
Glücklicherweise habe ich das schnell gemerkt. Ich habe noch nie einen Text nur für den Slam geschrieben oder umgeschrieben, aber beim Schreiben denke ich schon oft: „Wie nimmt das Publikum diesen Satz wohl auf?“. Je mehr Slams man macht, desto mehr Gedanken kommen auf. Bei mir war es weniger der Gedanke, gewinnen zu wollen, sondern wie die Texte beim Publikum ankommen.
Wie kann ich schreiben, ohne mir selbst Druck zu machen, ohne dabei zugrunde zu gehen, weil ich mir selbst nicht treu bleibe?
Ich hatte das Gefühl, es verfälscht, das warum ich angefangen habe zu schreiben. Ich habe mich dann nicht mehr wohlgefühlt damit und habe weniger geslamt. In letzter Zeit habe ich mir Gedanken dazu gemacht, wie ich mir beim Schreiben nicht selbst Druck mache und wie ich Slam machen kann, ohne selbst dabei zugrunde zu gehen, weil ich mir nicht selbst treu bleibe.
Wie alles begann: Von der Schule auf die große Bühne
Das alles hat schon ganz früh angefangen. Im Schuljahr 2017/18 wurde an meiner Schule, dem Sprachengymnasium in Meran, zum ersten Mal eine Lesebühne veranstaltet. Da ich immer schon gerne geschrieben hatte, aber noch keine Erfahrung mit Auftritten hatte, dachte ich, es wäre toll, das einmal auszuprobieren.
Bei dieser Gelegenheit lernte ich Lene Morgenstern kennen, die eine zentrale Figur in der Südtiroler Slam-Szene ist.
Lene hat uns alle auf die Bühne gebracht!
Dank Lene bin ich in die Szene hineingerutscht, habe die Südtiroler Autoren- und Autorinnenvereinigung kennengelernt und angefangen selbst eigene Events zu veranstalten. Und so habe ich immer mehr Auftritte gemacht, aber immer außer Konkurrenz.
Poetry-Slam an sich habe ich dann erst in meinem Maturajahr gemacht, 2022.
Ich hatte schon ein bisschen Angst vor den Bewertungen. Aber ich fand es cool und habe weitergemacht. Dann hat alles gut in die Karten gespielt.
Letztes Jahr im Herbst war die Landesmeister*innenschaft, die gut ausgegangen ist und dann die Italienmeister*innenschaft und die Österreichmeister*innenschaft, die gesamtdeutschen Meisterschaften. Dann hat es gar nicht mehr aufgehört. Aktuell bin ich in Wien und mach hier immer wieder was.
Vor ein paar Jahren habe ich im Sommer „gekindst“ und habe 6 € die Stunde bekommen und mittlerweile bekomme ich durch meine Kunst 3-stellige Beträge. Es ist schön zu sehen, dass ich mit meiner Kunst materielle Wertschätzung bekomme. Das Schönste ist jedoch der Applaus und die Gespräche nach dem Auftritt. Poetry Slam hat eine besondere Nähe zum Publikum und bringt Kultur auf eine andere Weise zu den Menschen.
Der Traum von der eigenen Anthologie und dem Leben in New York
Ich habe ein “Büchlein”, in dem ich alle meine Texte handschriftlich festhalte. Das bedeutet mir sehr viel, weil ich damit alle meine Auftritte gemacht habe und jeder Text, den ich je geschrieben habe, dort drin steht. Es ist wie eine kleine Anthologie.
Ein Traum von mir ist es, eine richtige Sammlung meiner Texte als Buch herauszugeben. Selbst wenn ich nur fünf Exemplare drucken lasse und meine Oma, meine Mama und ich eines haben, wäre ich schon zufrieden. Ein Buch mit meinen Texten in gedruckter Form wäre wirklich cool.
Mein aller, allergrößter Traum, seit ich 10-12 Jahre alt bin, ist allerdings, in New York zu wohnen. Ich denke oft darüber nach, bevor ich schlafen gehe, und es gibt mir Hoffnung, wenn es mir mal nicht so gut geht. Ich denke dann: Irgendwann werde ich in New York sein und dann passt alles. Das ist mein größter Traum.
Was willst du Südtirol und der Kulturszene mitgeben?
Gerade in Südtirol habe ich oft erlebt, dass Kultur nicht so behandelt wird wie andere Dienstleistungen. Ich finde es wichtig, dass diejenigen, die etwas für Menschen machen, auch etwas zurückbekommen.
Kultur ist nicht die sympathische Nische unserer Gesellschaft, sondern das Eigentliche, das sie zusammenhält.
Das hat Norbert Lammert einmal gesagt und das wird oft zu wenig beachtet.
Konsumiert Kultur! Davon haben alle was!
Sobald man sich etwas anschaut oder anhört, wird man mit neuen Gedanken konfrontiert, die nicht die eigenen sind. Das tut gut! Auch die Künstler*innen profitieren davon, wenn Leute ihre Arbeit sehen.
Wenn die Kulturszene lebendig ist, profitieren alle! Es kann nie zu viel Kultur geben. Deshalb:
Lasst euch von der Kunst beflügeln!
Ein Interview von Max Silbernagl, 10.04.2024
